Schwerstgewichtige – Die Schattenmenschen

Ich habe diesen Artikel schon mal vor etwa acht Jahren veröffentlicht. Den Blog gibt es aber nicht mehr. Nun habe ich mir den Text mal wieder vorgenommen und ihn etwas überarbeitet. Ich bin jetzt kein großer Schreiberling, aber ich finde, das sollte öffentlich im Netz stehen.

Ich möchte mal einen Aufruf starten. Vor acht Jahren ergaben statistische Erhebungen, dass es allein in Deutschland mehrere tausend Schwerstgewichtige Menschen über 200 Kilogramm gibt. Das ist eine unvorstellbare Zahl, und die Dunkelziffer ist noch höher. Ich konnte leider im Netz dazu keine aktuellen Daten finden, aber ich denke, die Lage hat sich nicht verbessert.

Ich bin nun glücklicherweise nicht mehr in dieser Ü200 kg Liga, habe aber auch die schlimmsten Erfahrungen machen müssen. Ein Mensch in dieser Gewichtsklasse kann am normalen Leben nicht mehr teilnehmen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es ihnen von der Gesellschaft nicht nur schwer, sondern sogar oft unmöglich gemacht wird. Die meisten Menschen, die so schwer sind, verstecken sich zuhause, gehen kaum bis gar nicht mehr vor die Tür. Viele haben schon seit Jahren ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Entwickeln sogar Angststörungen und andere psychische Erkrankungen. Das liegt unter anderem daran, dass man in der Gesellschaft angestarrt wird, genauestens gemustert wird, ausgelacht wird, es werden Fotos gemacht, es wird getuschelt, ja sogar beschimpft oder beleidigt wird man. Man wird als Belastung der Krankenkassen gedisst bis hin zu „Fress dich doch lieber tot du fettes Schwein“. Toll, wenn das dann noch jemand zu einem sagt, der Raucher ist. Das war mein Alltag bevor ich die Angststörung entwickelte und nicht mehr raus ging.

Damals vor acht Jahren war vernünftige Kleidung Mangelware im Netz. In Geschäften bekam man gar nichts. Und wenn es online was gab, sah es schrecklich aus oder war utopisch teuer. Mal ehrlich, welcher Schwerstgewichtige kauft denn gerne ein quer gestreiftes Hemd in 10 XL, damit er ja noch ausschaut wie Ü 300 kg anstatt Ü 200 kg ?! Diese schrecklichen Hemden, T-Shirts etc. gibt es leider noch immer. Aber mittlerweile gibt es eine gute Auswahl an Onlineshops, in denen es wirklich gute, tragbare und qualitative Sachen gibt. Zwar noch immer nicht günstig, aber erschwinglich. Wenigstens da hat sich viel getan.

Es mangelt an Sitzgelegenheiten in der Öffentlichkeit. Ich nenne da gern als Beispiel die am Boden festgeschraubten Tische und Bänke in manchen Mc Donalds Filialen. Das ist ein Schlag ins Gesicht eines Übergewichtigen. Von uns Dicken erwartet Gesellschaft natürlich, dass wir uns nur von Fastfood ernähren. Ja sicher, gelegentlich sogar sehr gerne. Aber was da geschieht …. Denn tatsächlich können dort nur Gäste bis zu einer bestimmten Körperfülle essen.Das hat den Anschein von „Die Fetten verschandeln das Bild unseres Geschäfts und vergraulen andere Kunden. Also sorgen wir dafür, dass sie draußen bleiben“. Ich weiß nicht was ich genau davon halten soll.

Dann Sitzgelegenheiten in Behörden, in Arztpraxen und anderen medizinischen Einrichtungen, in Cafes, Sitzplätze in Buss und Bahn, Kinos, die Länge der Anschnallgurte in PKWs, die von vorbildlich bei sehr wenigen bis geht gar nicht bei so vielen geht. Das Angebot von Parkplätzen oder zumindest, dass nicht mehr die notwendige Eintragung auf dem Behindertenausweis verweigert wird, um auf Behindertenparkplätzen zu parken. Es geht weiter bei Sportgeräten. Die meisten Sportgeräte für zuhause haben eine maximale Gewichtsbelastung von 150 bis 180 kg. Alles was darüber fällt, ist so immens teuer, dass sich ein Normalverdienender oder gar Arbeitsuchender sowas nicht leisten kann, da es meist in die tausende geht. Krankenkassen verweigern hier eine Finanzierung. Man müsse zuerst abnehmen und zeigen, dass man es ernst meint. Und Abnehmen ohne Bewegung gelingt dauerhaft nur den Wenigsten. Da beißt sich die Katze also in den Schwanz. Im bereich der Körperwaagen merkt man ja mittlerweile starke Verbesserungen. Aber auch da ist Mangel am Start. Extrem dicke Menschen haben extrem dicke Oberschenkel. Bekommen demzufolge auch die Füße unten nur schwer zusammen. Also wäre es angebracht wenn man denn schon eine Waage baut die bis 300 kg wiegt, auch die Standfläche dementsprechend anzupassen. Sonst ist es halt einfach nur Mist. Denkt bei einer solchen Ermittlung eigtl. niemand mit ? Krankenhausbetten, die nur bis 180 kg belastbar sind in Deutschland, Hänge-WCs in Kliniken, die einem solchen Gewicht nicht stand halten, Menschen die zum CT in Tierkliniken gebracht werden und auf das Pferde-CT müssen. Ich könnte meine Aufzählung jetzt leider noch endlos weiter führen.

Extrem dick = Ein Leben voller Demütigungen und ohne Menschenwürde

Ich rufe alle Schwerstgewichtigen auf, meldet euch, zeigt, dass ihr da seid. Zeigt, dass ihr Anspruch auf Leben habt. Zeigt, dass ihr existiert. Zeigt, dass ihr etwas ändern wollt. Ich rufe auf, seid Vorreiter, bringt etwas in Bewegung, helft, dass sich die Situation in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz etc. für uns Schwerstgewichtige verbessert. Ich weiß, wie schwer das ist, aber wie soll sich etwas ändern, wenn niemand weiß, dass es uns gibt ? Meldet euch zu Wort, schreibt Briefe an Behörden, an Krankenkassen. Schreibt Texte im Netz und lasst die Gesellschaft wissen, dass ihr euch nicht mehr unterdrücken lasst. Organisiert euch und kämpft nicht alleine gegen eure Kilos. Hört auf zu sagen, das bringt ja doch nichts oder was sollen wir schon ausrichten. Hey, wer aufgibt ist feige und zusammen ist man stark. Ihr da draußen seid nicht allein !!!

!!!! Ich lebe und ich kämpfe !!!!

6 Antworten

  1. Avatar Psychonaut sagt:

    Oh Captain, mein Captain, ich habe zwar nie zur Ü200 Kategorie gehört, mein Max waren 130kg aber eben über Jahrzehnte. Die Entsozialisierung, also raus nur wegen der Kinder oder zum Einkauf und Blicke meiden, Abstand um getuschel nicht hören bzw. Verstehen können (bei bestimmten Gestalten, die erkennt man dann schon). Für alles andere Ausreden erfinden bis keine mehr notwendig sind. Ich habe zwar endlich abgenommen aber gewisse Gewohnheiten sind halt noch da und gehen auch nicht so schnell wieder weg. Das sind Dinge, da bleibt eines nichts anderes übrig als sich selbst zu helfen. Ich wünsche dir und allen hier lesenden und mitfühlenden alles Gute.

    • Rio Rio sagt:

      Zuerst mal vielen Dank für deinen Kommentar 🙂

      Toll, dass du dein Gewicht in den Griff bekommen hast. Gratulation dafür. Egal ob man wenig oder viel abnehmen muss, es ist immer harte Arbeit.

      Das Verhalten was du beschreibst ist mir nur zu gut bekannt. Es geht mir genau so. Ich glaube Gewohnheiten die man sich aus Selbstschutz zwangsweise angelegt hat, bekommt man schwer raus.

  2. Avatar Cowboy sagt:

    Ja, auch mit 130 kg gibbet blöde Sprüche ohne Ende. Ich war froh, auf 95 kg runter gekommen zu sein. Aber seit etwa einem dreiviertel Jahr muss ich Tabletten nehmen, von denen die meisten noch mehr abnehmen. Ich hingegen habe seit dem wieder 15 kg draufgepackt, die neuen Hosen sitzen schon wieder spack. Ich fühle mich nicht wohl damit, und alle Bewegung hilft nicht. Tischtennis, Radfahren, Spaziergänge mit den Hunden… Ich bewege mich eigentlich genug, trotzdem nehme ich zu statt ab.

    Nach dem anerkennenden Lob fürs Abnehmen kommen jetzt wieder die blöden Sprüche. Kann ich drauf verzichten, aber raus muss ich trotzdem…

    • Rio Rio sagt:

      Ja, definitiv. Da sind nicht nur die in meiner Liga betroffen. Haste mal auf die Schilddrüsenwerte schauen lassen ? Manchmal kommen die durch Medikamente auch aus dem Ruder. So schnell wird man vom Abnehmheld zur Witzfigur für Andere. Ich kenne das so gut !! Drücke dir die Daumen, dass du das mit dem Gewicht in den Griff bekommst mein Lieber.

  3. Avatar Annika sagt:

    Ach, Rio, mein Herzchen! Ich hab’n Kloß im Hals.

    Ich meine mich an den Artikel zu erinnern. Denn ich glaube, ich hätte damals nachgefragt, warum ein Hängeklo nicht geht. *shameonme*

    Ich bin nun jemand, der Kurse zum Abnehmen gibt. Aber der/die schwerste Teilnehmer*in, die sich dorthin gewagt hat, war „gerade mal“ 140 kg schwer. Persönlich kennengelernt hab ich mal eine, die war in schwersten Zeiten 210 kg. Aber mit mir gesprochen hat sie erst, da waren es nur noch 180 kg. Sie sagte, sie habe sich vorher „nicht getraut“ – das hat mir mega weh getan.

    Ich weiß, wie schwer mir das Leben mit 126 kg war – was aber ja eigentlich relativ wenig im Verhältnis ist. Und mit 126 kg war es schon so manches Mal ein Spießrutenlauf.

    Mensch. Drück dich!
    Annika

    • Rio Rio sagt:

      Hey liebe Annika. Sorry für das sehr verspätete Antworten. Ist gerade viel bei mir los wie du in meinem aktuellen Artikel lesen kannst.

      Mich haben die Reaktionen der Gesellschaft ja auch in die soziale Angststörung geführt. Manchmal rede ich mit Menschen die auch so sind wie ich, die sich aber noch weiter abkapseln. Und wie ich im Artikel schon schrieb, die Dunkelziffer ist so extrem hoch. Und niemand kämpft für diese Menschen 🙁

      Drücker zurück :-*

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